Michael Ridder




Vom Erleben an Bord

Der folgende Text entstammt einer Konzeption, die 1982 für ein „Soziales Training mit gefährdeten Jugendlichen“ geschrieben wurde:

„Zuerst wirkt ein Schiff eher bedrohend. Die schwankenden Böden sind ungewohnt, Leinen schlagen unkontrolliert im Wind hin und her und lösen zum Teil Angst aus, Ausweichmöglichkeiten sind nicht gegeben, der Raum ist knapp und Plätze zum Träumen gibt es höchstens in der eigenen, kleinen Kajüte. Die Segelmanöver sind ungewohnt, die Zusammenhänge zwischen Besegelung und Windverhältnissen nicht sichtbar, die Apparaturen fremd und die Funktionen undeutlich. Warum sitzt man am Ausguck, wenn meilenweit nichts als Wasser zu sehen ist? Man bewegt sich steif, eckt überall an und muss sich bei Seegang ständig festhalten.


Die erste Zeit an Bord bedeutet zunächst eine Art von Verlust. Verlust von gewohnten Ablenkungen. Die Stille auf See ist anstrengend und ungewohnt, der monotone Wellenschlag wird unruhig und unkonzentriert, wie nebensächlich aufgenommen.


Nach vier, fünf oder mehreren Tagen sieht es schon anders aus: Schiff und Besatzung werden miteinander vertrauter. Auf einem Segelschiff ist nur wenig Maske möglich. Keiner kann dort länger über seine Fähigkeiten leben oder Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Nicht in dem Sinne, dass jemand in seinen eingeschränkten Möglichkeiten des Einbringens bloßgestellt werden kann, sondern insofern, als jede Handlung in einem sozialen Kontext geschieht, der für das Zusammenleben aller von Bedeutung ist. Wenn diese erste Phase der Gewöhnung an das Schiff von dem Erfolg begleitet wird, dass jeder über seine Tätigkeit dort spürt, die anderen brauchen ihn und er braucht die Mannschaft, so wird das Schiff zu einem wichtigen Identifikationsobjekt. Erst dann, wenn ein grundlegendes Gefühl des Vertrauens erworben ist, greifen die komplexen sozialen Prozesse, mit allen Nach- und Vorteilen. Die viel beschriebene Gemeinschaft und die gepriesene Kameradschaft auf See scheint wenigstens in einem Bereich eine Mystifikation zu sein: Das Gemeinschaftsleben an sich ist nicht intensiviert und auch nicht der Grund für die tiefgreifenden Veränderungen und Erfahrungen. Eher tritt das Gegenteil ein: Der Kommunikationspegel sinkt allgemein.


Weitgehend hat jeder jedem schon von sich erzählt, das Informationsgefälle untereinander wurde damit ausgeglichen, der Grund etwas mitzuteilen fehlt, man beginnt sich auszuschweigen. Alle werden auf sich selbst zurückgeführt, beschäftigen sich still mit Problemen und Gefühlen, die normalerweise unter dem Ansturm der Reizüberflutung, der Ablenkung und Hektik des Alltags überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden. Besonders deutlich wird dies bei den Mahlzeiten. Alle sitzen zusammen und schweigen sich an. Das Erleben ist so auf die Geschehnisse an Bord konzentriert, jeder ist darin so einbezogen und hat daran teil, dass Beobachtungen aktueller Ereignisse im Bereich einer lnformationsübermittlung für die verbale Kommunikation wertlos werden: Rundherum ist Wasser. Jedes Schiff, jede Bewegung draußen auf See wird von allen sofort registriert, eine solche Mitteilung wird sinnlos. Mit dem Abflachen der verbalen Kommunikation geht ein Gefühl der Vereinsamung einher. Man reagiert auf sich selbst sensibilisierter, wählt genauer aus, was man von sich jemandem mitteilten möchte. Und gerade diese intensivierte Beschäftigung mit sich selbst schafft zu einem Teil erst die Voraussetzungen dazu, tatsächlich zur Ruhe zu kommen.


Auf der anderen Seite gewinnt der Bereich nonverbaler Kommunikation an Bedeutung. Viele Tätigkeiten werden schweigend gemeinsam ausgeführt. Eine nur durch Blickkontakt hergestellte stille Übereinkunft genügt für die Verteilung der dazu notwendigen Handgriffe. Vielleicht ist dieses elementare Verstehen der Grund für die Erfahrungsqualität der immer wieder zitierten Bordgemeinschaften. Vielleicht ist es auch die bloße Naturgewalt ringsum, deren risikobehaftete Bewältigung dem Menschen etwas von seiner Verletzbarkeit nimmt. “

Trotz aller Routine nach inzwischen ca. 50 Jahren auf dem Wasser, der Beginn und der Fortgang jeden Törns gleicht immer erneut ein wenig dem beschriebenen Erleben:

Ankommen, sich langsam zurechtfinden und mit ein paar blauen Flecken seine Koje suchen. Zum hundertsten Mal mit den Segeln und dem „stehenden und laufenden Gut“ neu vertraut machen.

Seebeine wachsen lassen und langsam Ballast abwerfen. Nach ein paar Tagen verschwindet dann, im wahrsten Sinne des Wortes, das Land und alles was mit dem sonstigen, realen Leben zu tun hat, verliert an Bedeutung.

Das Genießen und Träumen, innere und äußere Ruhe setzt ein.
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